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Kuba, ein traurig-schönes Sommermärchen

Kann man eigentlich noch nach Kuba reisen? Ja, man kann. Auch wenn der Weg dorthin beschwerlich und die Umstände in dem Land alles andere als einfach sind. Hotel-vor9-Chefredakteur Pascal Brückmann hat sich gewagt und war mit seinen Kindern Emilia (17) und Adrian (14) in diesem Sommer für fast drei Wochen auf der sozialistischen Karibikinsel unterwegs. Bericht einer gar nicht gewöhnlichen Reise.

Vorweg: Pascal Brückmann kennt sich in Kuba recht gut aus. Er war in den vergangenen zwei Jahren insgesamt viermal individuell vor Ort, zuletzt im Januar 2026. Exakt in dem Moment, als die USA in Venezuela den Machthaber Maduro außer Gefecht setzten und damit den wichtigsten Verbündeten und Öllieferanten Kubas aus dem Spiel nahmen. Für Kuba ein Moment der Zeitenwende. Alle wussten: Ab jetzt wird sich die Situation weiter verschlechtern.

Und es kam: noch schlechter.

Auch als Kuba-Reisender bekommt man das schnell zu spüren. Zunächst werden die ursprünglich gebuchten Air-France-Flüge von der Airline im Frühjahr storniert, weil am Flughafen von Havanna kein Kerosin mehr verfügbar ist. Eine alternative Verbindung ist möglich, doch komfortabel ist sie nicht: Düsseldorf – Paris – Panama – Havanna, rund 24 Stunden Reisezeit.

Vergleichsweise einfach bleibt die Buchung von Unterkünften. Airbnb ist hier nach wie vor eine sehr gute Adresse, zahlreiche Unterkünfte sind dort gelistet. Die sogenannten Casas Particulares, oft mit Familienanschluss, lassen sich weiterhin über die bekannte US-Plattform buchen – bemerkenswert, da aufgrund der amerikanischen Sanktionsmaßnahmen inzwischen sämtliche ausländischen Hotelketten das Land verlassen haben. Ein Appartement für drei Personen kostet derzeit je nach Ausstattung und Lage zwischen 20 und maximal 60 Euro pro Nacht.

Wunderschöne Momente, wie hier beim Sonnenaufgang in Viñales, durfte Hotel-vor9-Chefredakteur Pascal Brückmann mit seinen Kindern Adrian und Emilia auf Kuba erleben.© Pascal Brückmann

Die Detailbeschreibungen der Unterkünfte gilt es in diesen Tagen sehr genau zu lesen. Angaben darüber, ob die Casa im besten – aber unwahrscheinlichsten – Fall über einen Generator verfügt, alternativ über Solarpaneele samt einem kleinen Speicher oder mindestens über Notlichter und Akkuventilatoren, sind wichtiger als schöne Fotos oder freundliche Gästebewertungen.

Der Flug mit Copa Airlines landet mitten in der Nacht auf dem Flughafen von Havanna. Mit im Reisegepäck befindet sich reichlich Bargeld. Auf der Insel sind keine Kreditkartenzahlungen mehr möglich, an Bankautomaten lässt sich kein Geld abheben. Für 40 Euro holt Taxifahrer Ernesto die übernächtigte Reisegruppe Brückmann ab und bringt sie ins Zentrum der Hauptstadt. Verlässliche Transportmittel sind auf Kuba rar, und die Fahrten sind derzeit deutlich teurer als sonst. Kein Wunder, wenn der Sprit auf dem Schwarzmarkt zu Preisen zwischen vier und sieben Euro eingekauft werden muss. Während der gesamten Reise war keine einzige Tankstelle zu entdecken, an der man Benzin oder Diesel regulär hätte tanken können.

Kubanischer Tankstopp im Sommer 2026: an den Tankstellen gibt es keinen Sprit, getankt wird aus Kanistern© Pascal Brückmann

Die Unterkunft liegt im historischen Teil von Havanna Vieja, Autos können hier nicht vorfahren. Ernesto parkt an einem großen Platz und öffnet den Kofferraum. Jetzt geht es zu Fuß weiter, in eine stockdunkle Gasse. Nur das Handylicht hilft, ansonsten ist es absolut dunkel. Der Gastgeber ist per Telefon oder WhatsApp nicht erreichbar. Da hilft auch die eigens organisierte kubanische SIM-Karte im Handy nicht weiter. Fällt der Strom aus, wie in dieser und sämtlichen folgenden Nächten in Havanna, sind meist auch die Handynetze für viele Stunden tot.

Doch auch das ist Kuba: Die Gastgeber sind zuverlässig, verantwortungsvoll und fürsorglich. Rubén hat mit seiner Frau die halbe Nacht vor dem Eingang gewartet und empfängt die in diesen Tagen seltenen Gäste nachts um vier im Schein einer Taschenlampe.

Wie geht es weiter? Eine erlebnisreiche, besondere und unvergessliche Reise beginnt. Schon am nächsten Tag springt Adrian zusammen mit begeisterten Kubanern an der berühmten Uferpromenade Malecón in der Abenddämmerung in das karibische Meer. Die Menschen sind zugewandt, herzlich und nicht übermäßig aufdringlich, wenn man als erfahrener Reisender einige Spielregeln zu beherzigen weiß.

Die berühmte Uferpromenade Malecón verwandelt sich in der Abenddämmerung in einen großen Outdoor-Pool© Pascal Brückmann

In Havanna funktioniert das Leben tagsüber vordergründig. In der Millionenstadt herrscht reges Treiben. Der Verkehr fließt trotz Spritmangels erstaunlich lebhaft, und neu im Straßenbild sind massenhaft kleine Elektro-Dreiräder, Tricycles genannt. Das ist die kubanische Variante des Tuk-Tuk, die bis zu acht Personen transportieren kann. Doch der Eindruck trügt. Universitäten und Schulen operieren im Notbetrieb, viele Beschäftigte fehlen an ihren Arbeitsplätzen, weil der Weg dorthin ohne funktionierendes öffentliches Transportsystem nicht mehr zu bewältigen ist. Bei einem Durchschnittslohn zwischen fünf und 25 Euro pro Monat ist selbst ein Platz im Sammeltaxi schlicht nicht bezahlbar.

Auch die vom Staat angedachten Homeoffice-Lösungen laufen ins Leere, wenn Strom und Internet nur stundenweise verfügbar sind. Die Krise zeigt sich ebenso in Hotellerie und Gastronomie. Ein Großteil der Hotels ist wegen ausbleibender Gäste geschlossen. Einige halten immerhin ihre Dachterrassen oder Pools geöffnet und haben wohlhabende Auslandskubaner samt deren Familien als neue Zielgruppe entdeckt. Mitunter werden dort nun laute Poolpartys gefeiert, für die, die es sich leisten können.

Obwohl die großen ausländischen Ketten wie Meliá und Iberostar die Insel endgültig verlassen haben, prangen ihre Markenlogos noch am Eingangstor oder auf der Kleidung des Personals. Der kubanische Staat versucht nun als Betreiber einzuspringen, doch die Defizite sind schon jetzt gravierend: Es fehlt immer wieder an Waren, an Klimatisierung und an einem Qualitätsmanagement auf internationalem Niveau.

Auch die privaten Bar- und Gastronomiebetriebe stehen unter Druck. Viele Restaurants sind geschlossen. Selbst die, die sich Generatoren für die Zeiten der Stromausfälle anschaffen konnten, streichen die Segel. Der teure Treibstoff für den Dauerbetrieb lässt sich nicht finanzieren, wenn kaum Gäste kommen. Besonders dramatisch zeigt sich die Abwärtsspirale, wenn die Nacht hereinbricht: Dann versinkt die Millionenmetropole in nahezu vollständiger Dunkelheit.

Das hat auch Auswirkungen auf das Sicherheitsgefühl. Lange Fußmärsche durch stockdunkle Gassen sind zwar möglich und mitunter nötig, fühlen sich aber nicht wirklich gut an. Mitunter setzen verzweifelte und sicher auch wütende Menschen einfach die Müllhaufen auf der Straße in Brand oder protestieren lautstark, indem sie mit Löffeln auf leere Töpfe schlagen. Zu mehr scheint die Kraft nicht zu reichen. Aktuell ist nicht absehbar, dass es zu wirklich organisierten Protesten gegen die kubanische Regierung kommt, die derzeit jeden Deal mit Trump ablehnt.

Proteste in der Nacht. Der Müll brennt, doch die Menschen in Havanna und im ganzen Land sind erschöpft.© Pascal Brückmann

Derweil verlagern sich die Aktivitäten vornehmlich auf den Tag. Eine geführte Fahrradtour durch Havanna, regelmäßiges Training im berühmten Rafael Trejo Boxing Gym in der Altstadt von Havanna Vieja, eine Oldtimerfahrt entlang des Malecón und durch die Stadtteile Vedado und Miramar samt Abstecher im berühmten Hotel Nacional. Es gibt so viel zu erleben und entdecken. Dazu Reisen in das Tal der Tabakbauern nach Viñales, ein mehrtägiger Aufenthalt in der alten Kolonialstadt und dem Weltkulturerbe Trinidad sowie Aufenthalte in Matanzas und Varadero. Ausflüge in die Natur, zu Fuß oder auf dem Pferderücken, ein kleiner Adrenalinkick beim Ziplining oder entspannte Stunden am Strand runden das Programm ab. Die Fahrten erfolgen mal in Sammeltaxis, mitunter in privat gemieteten Wagen oder einem der seltenen Überlandbusse. Eine rechtzeitige Organisation der Touren ist unbedingt zu empfehlen.

Andere ausländische Gäste gibt es in diesen Wochen so gut wie keine. Wo anderswo über Overtourism geklagt wird, lässt sich in Kuba beobachten, was Undertourism bedeutet. Neben den massiven negativen wirtschaftlichen Auswirkungen auf Land und Leute, die Devisen so dringend benötigen, kann das aber auch Vorteile haben: Die kulturellen und landschaftlichen Schönheiten der Insel lassen sich derzeit ohne die negativen Begleiterscheinungen des Massentourismus erleben. Kuba im Jahr 2026: nichts ist normal, nichts ist einfach. Aber trotzdem bleibt es ein faszinierendes, einmaliges Reiseland.

Pascal Brückmann