Jörg T. Böckeler – der Dirigent der Hotellerie
Von der Kochlehre in der Traube Tonbach über das Savoy in London bis zum Konzernchef von über 60 Hotels: Jörg T. Böckeler hat die Hospitality auf vier Kontinenten gelernt. Seit Mai führt er als CEO die Bonner Invite Group. Im Gästebuch von Hotel vor9 erzählt er von seiner Liebe zum Klavier und was ihn antreibt.
Invite-Group GmbH
Jörg T. Böckeler kennt die Welt der Hotellerie wie seine Westentasche
Was war Ihr Traumberuf als Kind?
Konzertpianist. Ich habe viel und gern geübt – für die großen Säle hat das Talent trotzdem nicht gereicht. Geblieben ist alles andere: dass Präzision und Gefühl kein Widerspruch sind, dass niemand die geübten Stunden sieht, sondern nur den einen Abend, und dass ein Auftritt entweder trägt oder eben nicht. Genau so funktioniert ein Hotel: jeden Tag Premiere, das Haus ist die Bühne, der Applaus ist der Gast, der wiederkommt. Insofern bin ich doch in meinem Traumberuf gelandet – nur spiele ich heute nicht mehr selbst, sondern dirigiere.
Wie sind Sie in die Hotellerie gekommen?
Über die Küche. Ich wollte unbedingt Koch werden – und die Lehrstelle habe ich nicht nach Wohnort gesucht, sondern nach dem Guide Michelin. Der war mein Bewerbungskompass. So kam ich ganz gezielt in die Traube Tonbach, damals eines der höchst ausgezeichneten Häuser Deutschlands, und habe dort beides gelernt: Koch und Restaurantfachmann. Diese Doppelausbildung ist bis heute mein Fundament. Wer Hotellerie von unten gelernt hat, dem macht man in keiner Sitzung etwas vor.
Welche Entscheidung in Ihrem Berufsleben hat Ihre Karriere besonders geprägt?
Zwei. Die erste: früh ins Ausland zu gehen, ohne Netz – ins The Savoy London, eines der traditionsreichsten Hotels der Welt. Wer nur in Deutschland bleibt, hält deutsche Gewohnheiten für Weltstandard. Die zweite: 2017 aus Sydney zurückzukommen, um bei der Dorint-Gruppe anzufangen. Das hat man vielfach nicht verstanden – aus der Weltstadt Sydney kommend in eine deutsche Traditionsgruppe. Es waren die lehrreichsten acht Jahre meines Lebens.
Wie sieht für Sie das Hotel der Zukunft aus?
Es verkauft keine Zimmer, es verkauft Erinnerungen. Luxus definiert sich längst nicht mehr über Besitz, sondern über Erlebnis – und über Zeit, die knappste Währung, die wir haben. Das Hotel der Zukunft ist deshalb unverwechselbar am Standort verankert, personell schlanker, technologisch unsichtbar gut und ökologisch ernsthaft, nicht dekorativ. Und es ist mutig positioniert. Austauschbarkeit ist das eigentliche Geschäftsrisiko der Branche, nicht die nächste Krise.
Was lieben Sie an Ihrem Job?
Menschen. Dass ich Persönlichkeiten, die als Azubi anfangen, Jahre später als Direktoren wiedersehe. Es gibt wenige Branchen, in denen Herkunft und Zeugnis so wenig und Haltung und Können so viel zählen. Und ich mag, dass unser Erfolg abends sichtbar wird: Ein Haus ist voll oder es ist leer, ein Gast kommt wieder oder nicht. Diese Ehrlichkeit findet man im Konzernleben selten.
Was nervt Sie am meisten?
Das Jammern. Wir sind eine Branche, die sehr gerne über Rahmenbedingungen klagt und sehr ungern über eigene Hausaufgaben spricht. Dazu Bürokratie, die jede Investitionsentscheidung um Monate verzögert, und Titelgläubigkeit: Menschen, die ihre Visitenkarte für eine Leistung halten. Gastfreundschaft beginnt mit Demut, nicht mit einer Funktionsbezeichnung.
Was kann die Hotellerie in Deutschland von Kollegen im Ausland lernen?
Stolz auf den Beruf. In Australien ist Hospitality eine Karriere, in Deutschland gilt sie vielen noch als Notlösung – und genau so sprechen wir auch über uns selbst. Zweitens Kommerzialisierung: Angelsächsische Häuser denken Preis, Vertrieb und Ertrag deutlich professioneller. Drittens Haltung ohne Steifheit, denn Herzlichkeit ist keine Qualitätsminderung. Was wir dagegen nicht lernen müssen, ist Handwerk – unsere Ausbildung ist weltweit beneidet. Wir verkaufen sie nur schlecht.
In Teil zwei erfahren Sie mehr über Jörg. T. Böckler, Elton John und warum früher nicht alles besser war.
Jörg T. Böckeler begann seine Karriere mit einer Doppelausbildung zum Koch und Restaurantfachmann in der Traube Tonbach. Stationen führten ihn u. a. ins Savoy London, nach Cliveden House (Taplow), ins Kempinski Taschenbergpalais Dresden, ins Westin Grand Kapstadt und als Area General Manager zum Intercontinental Sydney. 2003 wurde er Hotelmanager des Jahres, 2011 erhielt er das Bundesverdienstkreuz am Bande für seine Verdienste um den deutschen Tourismus. Von 2018 bis 2025 führte er als CEO die Dorint Hotels & Resorts mit über 60 Hotels und rund 3.500 Mitarbeitern. Seit Mai ist er CEO der Bonner Invite Group (u. a. Kameha Grand Bonn, Radisson Blu Bonn, Hideaway & Spa Hotel Marienhöh, Bergwiesenglück Tirol). Er hält einen Bachelor of Science in Hospitality Management der Oxford Brookes University und einen MBA der Imadec University und ist Board Member der World Sustainable Hospitality Alliance.