MOA Berlin vollzieht den Schritt in die Unabhängigkeit
Das Berliner Konferenzhotel MOA agiert nach einem Jahrzehnt Franchise-Partnerschaft mit Accor ab sofort vollständig eigenständig. Gesellschafter Laurence Mehl (Foto) erklärt im Gespräch mit Hotel vor9, wie das Haus die Transformation strategisch vorbereitet hat und warum der Schritt in die Unabhängigkeit letztlich eine rationale Entscheidung war.
MOA
Der ehemalige Verlagsmanager Laurence Mehl ist 2017 in die Hospitality-Branche und zu MOA gewechselt
Eine große "Unlock"-Party wurde am Mittwoch im Berliner MOA-Hotel gefeiert. Die Mercure-Schilder sind abmontiert und mit dem Jahreswechsel ist das Haus, immerhin das zweitgrößte Konferenz-Hotel der Hauptstadt, unabhängig und frei unterwegs. MOA-Gesellschafter und Geschäftsführer Laurence Mehl sieht in der Entscheidung "weniger ein Weg weg von Accor, sondern eher ein hin zu mehr Flexibilität", wie er im Gespräch mit Hotel vor9 erläutert.
Vom Problemfall Shopping-Mall zum zweitgrößten Konferenzanbieter der Hauptstadt
Die Geschichte des MOA reicht zurück bis in die frühen 2000er-Jahre. Das Gebäude in Berlin-Moabit war ursprünglich als Shopping-Mall konzipiert, geriet jedoch durch verschiedenste Probleme bei der Genehmigung und dem Bau in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Alexander Wendeln, Hauptgesellschafter der Immobilie, übernahm das Projekt, als das zugehörige Family Office aufgeben wollte und arbeitete auf einen Turnaround hin. "So schnell gebe ich nicht auf", habe Wendeln damals gesagt, berichtet Mehl.
2017 stieg der ehemalige Medienmanager Mehl, der zuvor Geschäftsführerpositionen bei Handelsblatt, Funke und NOZ innehatte, als Gesellschafter und Geschäftsführer mit ein. Gemeinsam mit dem dritten Gesellschafter Johannes Rohde, der einen Venture-Capital-Hintergrund mitbringt, entwickelten sie eine zukunftsfähige Strategie für das fast 50.000 Quadratmeter große Areal, jetzt mit dem Schwerpunkt Hotel und Konferenzgeschäft. Das Hotel füllt heute laut Mehl 80 Prozent des Gebäudes aus. Von ursprünglich 190 Zimmern und fünf bis sechs Konferenzräumen wuchs das Haus auf 336 Zimmer und 40 Tagungsräume mit 7.500 Quadratmetern Konferenzfläche. "Wir sind damit das zweitgrößte Konferenzhotel in Berlin", so Mehl. Über 1.000 Veranstaltungen richte das Haus jährlich aus – "diesbezüglich sind wir eine richtige Maschine".
Langfristige Vorbereitung machte die Trennung von Accor möglich
Der Abschied von Accor kam nicht überraschend. Bereits während der Franchise-Laufzeit bauten die Gesellschafter systematisch eigene Strukturen auf, zudem war MOA bereits als Betreibergesellschaft aktiv. "Wir haben frühzeitig eine Doppelmarken-Strategie gefahren, um die Marke MOA Berlin aufzubauen", erklärt Mehl. Im Konferenzbereich lief das Geschäft bereits unter der Eigenmarke, während Accor mit der Marke Mercure für das Logis-Geschäft verantwortlich zeichnete.
Besonders im technologischen Bereich löste sich das MOA frühzeitig vom Franchise-Partner. In der Corona-Zeit wechselte das Hotel von Oracle auf das Property-Management-System Mews, in einvernehmlicher Abstimmung mit Accor. Eine eigene IT-Abteilung mit fünf Mitarbeitern betreut heute den gesamten Tech-Stack des Hauses.
Die Entscheidung gegen eine Vertragsverlängerung mit Accor fiel nach einem intensiven Evaluierungsprozess. "Wir haben mit allen Franchise-Anbietern gesprochen", sagt Mehl. Fast ein Jahr lang habe eine Projektgruppe Vor- und Nachteile abgewogen. Am Ende stand eine nüchterne Kalkulation: "Die tollen Seiten bei Accor sind ja, du hast Sicherheit. Du hast sehr viele Standards. Das bewahrt dich natürlich vor einer Menge Fehler. Und der Nachteil ist, du hast andererseits natürlich auch echt ein Korsett, was sehr eng ist", bringt es Mehl auf den Punkt. Ausschlaggebend sei zudem gewesen, dass sich die Mitarbeiter eindeutig für den eigenständigen Weg ausgesprochen hätten.
Die eingesparte Franchise-Gebühr werde nicht abgezogen, sondern reinvestiert – in das Gasterlebnis, die Qualität und die Mitarbeiter. Aktuell renoviert das Hotel 200 Zimmer, das Rebranding läuft. Der personelle Hochlauf sei hingegen überschaubar, da Sales, IT und Personalwesen bereits intern aufgebaut wurden. Lediglich im Marketing habe man aufgestockt.
MOA versteht sich als Urban Hub und nicht als klassisches Hotel
Mit der Eigenständigkeit geht eine Neupositionierung einher. Unter dem Leitbild "Congress, Kiez & Culture" verabschiedet sich das MOA von der klassischen Hotelkategorisierung und nennt sich fortan "Urban Hub". Das Konzept gliedert sich in vier Bereiche: Stay (336 Hotel-Zimmer), Meet (Konferenzbereich), Eat (Gastronomie als "Kiez-Wohnzimmer") und Work (1.400 Quadratmeter Coworking).
"Wir glauben an die Kraft der persönlichen Begegnung und ihre positive Wirkung auf die Gesellschaft", formuliert Mehl den Leitsatz der Gesellschafter. Selbst während der Corona-Pandemie habe man nicht daran gezweifelt, dass das Konferenzgeschäft zurückkehren werde. Das Haus solle eine "dienende Funktion" haben – für internationale Kongresse ebenso wie für die Nachbarschaft, die beispielsweise den integrierten Edeka-Markt nutzt.
Künftig will das MOA verstärkt internationale Kunden ansprechen. Neue Handelsvertreter und eigene Sales-Mitarbeiter sollen das Auslandsgeschäft ausbauen. Die operative Führung übernimmt eine neue Doppelspitze: Conny Doss verantwortet den kommerziellen Bereich, Philip Ibrahim die Gastgeberrolle. Die bisherigen Geschäftsführer Mehl und Rohde ziehen sich, was den Betrieb angeht, in die Gesellschafterposition zurück. "Wir übergeben die Führung nicht an Unbekannte, sondern an zwei der stärksten Hotelmanager am Berliner Markt", ergänzt Johannes Rohde. Insgesamt beschäftigt die Gruppe rund 350 Mitarbeiter. Neben dem MOA Berlin gehört das Golf- und Wellnesshotel Heidegrund bei Cloppenburg mit 105 Zimmern zum Portfolio.
Pascal Brückmann